Der Igel mit seinem dichten Stachelkleid ist ein ziemlich altertümliches Säugetier. Obwohl er verborgen lebt, ist sein Anblick doch jedem vertraut. Er ist zwar ein Dämmerungstier, aber wenig scheu und meidet den Menschen kaum.
Igel und Mensch Häufig kann man den Igel schon am frühen Abend durch den Garten schlurfen hören. Er scheint sich wenig Mühe zu geben, nicht bemerkt zu werden. Eine übermäßige Vorsicht hat er auch kaum nötig. Wir Menschen lieben ihn seines possierlichen Aussehens und seiner Zutraulichkeit wegen. Gegen tierische Feinde schützt ihn seit Jahrmillionen sein Stachelkleid, das er wie eine riesige Kapuze über den ganzen Körper ziehen kann. Vom Menschen droht dem Igel aber dennoch die größte Gefahr: Jährlich werden auf jedem Kilometer Straße in Deutschland durchschnittlich 9 Igel getötet. Das ist ein gewaltiger Aderlaß, und schon viele Zoologen haben ihm sein baldiges Aussterben vorausgesagt. Doch kommt ihm eine auch vielen anderen Insektenfressern eigene Verhaltensweise zugute. Er ist wenig wanderlustig und bevorzugt es, sich in einem Revier von 200-300 Metern Durchmesser aufzuhalten. Seine maximal nachgewiesene Wanderstrecke liegt bei 2,6 km. So kann man hoffen, daß in Gebieten mit weniger dichtem Straßennetz genügend Igel überleben. Eine Änderung seines angeborenen Verhaltens, überall unbesorgt entlangzuwandern und sich bei Gefahr - auch auf der Straße - zusammenzurollen, ist in einem so kurzen Zeitraum wie dem Automobilzeitalter nicht zu erwarten.
Gestalt Da sicherlich jeder sein Aussehen kennt, ist es eigentlich müßig, die Gestalt des Igels zu beschreiben. Seine 2-3 cm langen, an die 8000 Stacheln prägen sein Aussehen. Er hat im Gegensatz zu den altertümlichen Haarigeln einen sehr kurzen, kaum sichtbaren, 2-4 cm langen Schwanz. Schauen wir uns einen Stachel genauer an, so sehen wir, daß er sich oben und unten verjüngt. Außen wird der Abschluß durch eine scharfe Spitze gebildet, an der Basis ist der Stachel stumpf. Während die Stacheln im Jugendkleid weiß sind, bekommen sie später eine hell- bis dunkelbraune Bänderung. Die Spitze und die Mitte der Stacheln bleiben dabei hell bis fast weiß. Die Stacheln sind umgewandelte Haare und gehen zum Bauch hin in borstenartige und dann noch feinere Haare über. Die Borsten werden jedoch nicht wie die übrigen Haare einem regelmäßigen Haarwechsel unterworfen.
Die nicht ganz so großen Ohren unseres einheimischen Igels (Kurzohrigel!) liegen, im Gegensatz zu denen der Langohrigel (Igel [1.]), fast ganz in dem borstenartigen Übergang von Stacheln und Haaren versteckt. Die Augen sind, wie bei den meisten Insektenfressern, klein. Die größte Bedeutung bei der Orientierung haben einmal die Tasthaare an seinem kleinen Rüssel, zum anderen schnuppert der Igel sich mit seiner immer feuchten und sehr empfindlichen Nase durch sein Revier. Er kann jedoch immer noch besser sehen als viele seiner Verwandten. Man hat festgestellt, daß er auf jeden Fall verschiedene Grauschattierungen einwandfrei unterscheiden kann.
Verbreitung Der Europäische Igel (Erinaceus europaeus) bewohnt in zahlreichen Unterarten ganz Europa bis auf den Norden Skandinaviens sowie Vorderasien.
In den Alpen ist er in Höhen bis zu 2000 m, im Kaukasus bis zu 3000 m anzutreffen, in einem Bereich also, wo nur noch Krüppelkiefern wachsen.
Lebensraum Igel bewohnen Waldränder, Hecken und Gärten. Man findet sie in den Dünen genauso wie in der Heide oder in Steppengebieten. Die Landschaft muß nur genügend Versteckmöglichkeiten für die Tagesruhe und den Winterschlaf bieten. Das können genauso Felsspalten und Höhlen sein wie Gebüsche oder Reisighaufen. Igel besiedeln Erdbaue anderer Tiere ebenso gern wie Heuschober oder Scheunen.
Lebensweise Igel sind nächtlich lebende Einzelgänger. Nur während der Paarungszeit oder während der Jungenaufzucht wird man mehrere Igel gleichzeitig zu Gesicht bekommen. Seinen Unterschlupf polstert der Igel mit Laub, Moos und Gras aus. Das Baumaterial wird zusammengescharrt und mit dem Maul zum Schlupfwinkel transportiert. Daß der Igel Blätter oder sogar Früchte mit seinen Stacheln aufspieße, um sie in sein Lager zu transportieren, ist zwar ein altes, aber dennoch unwahres Märchen.
Überwinterung In dem weich und warm ausgepolsterten Lager verbringt der Igel auch die Zeit des Winterschlafs. Die Körpertemperatur ist dabei von 36 °C auf 6 °C gesenkt. Sein Herz schlägt statt 180mal nur noch 20mal in der Minute. Bei genügendem Nahrungsangebot und entsprechend hoher Temperatur kann der Igel auch gänzlich auf einen Winterschlaf »verzichten«.
Verhalten Einige interessante Verhaltensbeobachtungen an Igeln kann jeder selbst anstellen, hat er nur einen kleinen Garten oder Park in der Nähe und etwas Geduld.
Das Einrollen haben sicherlich viele schon beobachten können. Bis zu mehreren Stunden kann der Igel, Gesicht, Füße und Bauch in der großen Stachelkapuze versteckt, in dieser Stellung verharren. Die meisten Feinde, Hunde, Füchse und Marder, werden nach einiger Zeit der schmerzhaften Versuche, den Igel wieder auseinanderzurollen, müde.
Igel können ziemlich zahm werden; man muß sich nur vor ihren scharfen Zähnen in acht nehmen, denn die sonst so zutraulichen Tiere beißen auch ihren vertrauten Pfleger, kommt er ihnen mit der Hand zu nahe.
Igel beißen sich auch untereinander und tragen kleine »Boxkämpfe« aus, indem sie mit Kopf und Schulter kräftig stoßen.
Igel lecken sich häufig und müssen sich vieler, häufig zahlreicher Parasiten erwehren.
Eigenartig ist eine bekannte, aber doch schwer erklärbare Verhaltensweise der Igel, das Selbstbespucken. Stark riechende Dinge, wie Hyazinthenblätter oder auch faules Fleisch, werden vom Igel durchgekaut und der entstandene schaumige Speichel auf verschiedene Stellen des Stachelkleides gespuckt. Möglicherweise soll damit der eigene Geruch verdeckt werden, der Feinden ebenso wie Beutetieren die Anwesenheit des Igels verraten könnte.
Nahrung Igel ernähren sich überwiegend von tierischer Kost. Sie fressen alles, was sie überwältigen und erreichen können. Sehr gerne verzehren sie Mäuse und Vögel, wenngleich diese dank ihrer Schnelligkeit nur selten Beute des Igels werden. Häufiger werden schon Mäusejunge in ihren Nestern ausgegraben und verspeist. An erster Stelle auf dem Speisezettel stehen aber mit Abstand die Gliedertiere. Es werden Asseln und Tausendfüßler, Regenwürmer und Insekten, auch die giftigen Ölkäfer, verzehrt.
Der Igel verträgt tierische Gifte in großen Dosen. Vom Gift des Ölkäfers kann er die fünfundzwanzigfache Menge der für den Menschen giftigen Dosis aufnehmen. Gegen das Gift der Kreuzotter ist er jedoch nicht immun. Nur sein langes Stachelkleid schützt ihn vor den Giftzähnen. Die Schlange mag zwar immer wieder zubeißen, erreicht aber mit den kurzen Giftzähnen die Haut des Igels nicht. Neben Kreuzottern frißt der Igel auch noch andere Reptilien sowie Frösche, Kröten und Schnecken. Der umfangreiche Speiseplan wird auch noch durch pflanzliche Kost ergänzt. Es werden Früchte (Obst, Nüsse und Beeren) als Beikost oder in den nahrungsärmeren Zeiten verzehrt.
Größere Beute wird zwar hin- und hergeschüttelt, aber nicht getötet. Der Igel beginnt seine Mahlzeit an einer beliebigen Stelle, beißt Stück für Stück ab und kaut, wegen seines einfachen Insektenfressergebisse, langsam und gründlich, während das noch zappelnde Opfer mit den Pfoten auf dem Boden festgehalten wird.
Fortpflanzung Das Liebeswerben der Igel kann nächtelang dauern, wobei sie prustend und schnaufend scheinbar Zweikämpfe austragen. Beim Liebesspiel der Igel ist interessanterweise das Weibchen der aktivere Teil. Sie beißen und boxen sich anfangs und rennen einer hinter dem anderen her und drehen sich gemeinsam im Kreis.
Die Paarung wird keineswegs in Rückenlage oder Bauch an Bauch vollzogen, wie man es sich bei diesen Stacheltieren beinahe vorstellen müßte. Nachdem man lange Zeit tatsächlich dieser Meinung war, konnte vor etwa 30 Jahren endlich dargestellt werden, daß bei der Paarung das Weibchen die Stacheln eng anlegt und so die Begattung ermöglicht.
Die Paarungszeit der Igel liegt zwischen April und Juli. Nach knapp 5-6 Wochen werden 2-10 Junge geboren. Manche Igelweibchen werfen zweimal im Jahr.
Bei der Geburt sind die Stacheln in eine pralle, wasserreiche Haut eingelagert, so daß die Geburtswege der Mutter nicht verletzt werden. Nach etwa 2 Tagen wird die Haut dann schlaffer, und die Stacheln treten immer deutlicher hervor.
Die jungen Igel öffnen die Augen erst nach 14 Tagen. Sie werden über einen Monat lang von der Mutter gesäugt. Die Muttermilch wird jedoch schon vorher immer mehr durch selbstgesammelte Nahrung ergänzt. Die sonst so ungesellige Igelmutter umsorgt ihre Kinder sehr. Verläßt sie einmal das Nest, so werden die Kleinen mit Blättern und Grashalmen zugedeckt. Wird der Unterschlupf entdeckt oder die Mutter beunruhigt, so trägt sie die Kleinen einzeln im Maul zu einem anderen Versteck. Nach etwa 3- 4 Wochen werden die Jungen zum erstenmal von der Mutter ausgeführt. Die Kinder folgen der Mutter im Gänsemarsch und müssen sich bald ihre Nahrung allein suchen.
Nach 9-11 Monaten werden die kleinen Igel selbst geschlechtsreif. Igel werden etwa 6 Jahre alt.
Feinde In freier Natur haben sie kaum Feinde. Nur einige Greifvögel und Eulen sind in der Lage, mit ihren langen Krallen Igel zu schlagen. Gelegentlich sollen auch Dachse und Marder Igel überwältigen können. Daß Füchse Igel mit Urin bespritzen oder gar ins Wasser tragen bzw. rollen, um sie zur Aufgabe ihrer »Igelstellung« zu zwingen, wird zwar immer wieder behauptet, ist aber noch von keinem zuverlässigen Gewährsmann bestätigt worden. Bis dahin muß man diese Fabel ins Reich des »Jägerlateins« verweisen!