Wohl jedem ist diese mächtige, rötlich braungelbe bis rostbraune Großkatze mit den dunklen Streifen an Rumpf, Beinen und Schwanz bekannt. Nur wenige werden aber wissen, daß der Tiger in seinem weiten asiatischen Verbreitungsgebiet viele Unterarten ausgebildet hat. Die wichtigsten seien hier erwähnt:
Die größte lebende Katze ist der Sibirische Tiger (Neofelis tigris altaica) mit einer Körperlänge von 140-280 cm. Sein dichtes Winterfell ist gelblich ohne Rottöne, die im Sommer stärker hervortreten. Das Weiß des Bauches reicht weit an den Flanken herauf. Nachdem der Bestand 1940 auf 20-30 Tiere zusammengeschmolzen war, wurde er unter Schutz gestellt, und heute sollen in Rußland im Amur-Ussuri-Gebiet schätzungsweise wieder 350-400 Tiger leben, so daß diese Unterart nicht mehr als unmittelbar bedroht gilt. Weitgehend ausgerottet ist der rötlichere Chinesische Tiger (N. t. amoyensis) aus Südchina. Erst seit kurzem wurde in China ein Bewußtseinswandel eingeleitet. China trat dem Washingtoner Artenschutzübereinkommen bei und stellte nun endlich den Tiger unter Schutz. Vorerst bleibt ungewiß, ob der Chinesische Tiger damit eine Überlebenschance hat.
Als gefährdet gilt auch der hinterindische Indochina-Tiger (N. t. corbetti), doch liegen keine genauen Bestandszahlen vor. Auch der wohl bekannteste Tiger, der Königs- oder Bengaltiger (N. t. tigris) aus Vorder- und Hinterindien war infolge rücksichtsloser Bejagung bereits auf einen winzigen Restbestand zusammengeschrumpft. Energische Erhaltungsmaßnahmen der indischen Regierung haben inzwischen soweit Erfolg gehabt, daß sich die Zahl der Tiger inzwischen verdoppelt hat. Der Königstiger ist enger und stärker gestreift als der Chinesische Tiger und hat den typischen Backenbart besonders gut ausgebildet. Das gleiche gilt für den noch enger gestreiften Sumatra-Tiger (N. t. sumatrae), der wohl den schönsten Backenbart entwickelt. Bereits ausgerottet sind der Bali-Tiger (N. t. balica) und wohl auch der Java-Tiger (N. t. sondaica) sowie der Kaspi-Tiger (N. t. virgata) aus Nordiran und Nordafghanistan.
Wie aus dieser Aufstellung deutlich wird, geht der Bestand des Tigers in freier Wildbahn ständig zurück. Das ist um so bedauerlicher, als nur sehr wenige Unterarten in Zoologischen Gärten rein gezüchtet wurden, so daß mit dem Verschwinden der restlichen Unterarten aus der freien Wildbahn diese für immer unwiederbringlich verloren sind.
Lebensweise Der Tiger ist in Gebieten, in denen er nicht so stark bejagt wird, tag- und dämmerungsaktiv. In seinem weiten Verbreitungsgebiet stellt er nur wenig Ansprüche an seine Umwelt: Er muß genügend Beute in Form von Großwild vorfinden; es muß sich ihm genügend Deckung bieten, und es muß Wasser vorhanden sein. Auf alle anderen Gegebenheiten stellt sich diese Großkatze hervorragend ein. Tiger bewohnen, je nach Wilddichte, mehr oder weniger große Reviere, die sie besonders durch Bespritzen von markanten Punkten mit einem Harn-Drüsensekret-Gemisch markieren. Diese Marken dienen gleichzeitig der innerartlichen Kommunikation. Sibirische Tiger machen oft weite Wanderungen, um in wildreichere Gebiete zu gelangen. Innerhalb ihres Revieres legen sich die Tiere mehrere Ruhe- und Schlafplätze zwischen Steinblöcken, in Erd- und Felsspalten oder unter umgestürzten Bäumen an, die sie mit allerlei Pflanzenmaterial auspolstern.
Ernährung Als Beute des Tigers kommen in der Hauptsache reh- bis rindergroße Säugetiere in Frage, die je nach dem Verbreitungsgebiet Wildschweine, Hirsche, Antilopen oder Wildrinder sein können. Daneben erlegt er auch andere Raubtiere bis Bärengröße sowie allerlei Wirbeltiere wie Fische, Echsen und Vögel. In wildarmen Gebieten mußten ich die Raubkatzen zum Leidwesen der Bauern auf Haustiere spezialisieren, und nur selten einmal wird ein altes oder krankes Tier zu einem gefürchteten »Man-killer«.
Jagdverhalten Seiner Beute lauert der Tiger meist an einem Wasserloch auf, schleicht sich dann bis auf wenige Meter an sein Opfer heran und tötet es anschließend im überfallartigen Ansprung. Größere Tiere, die über kräftige Nackenwirbel verfügen, tötet er durch einen Kehlbiß und anschließendes Festhalten, bis der Tod durch Verbluten eintritt. Kleinere werden durch Nackenbiß und Prankenschläge getötet. Nach dem Riß schleppt der Tiger seine Beute möglichst in Wassernähe und versteckt alles, was er nicht sofort verzehrt, unter Laub und Ästen, um es an den folgenden Tagen aufzufressen.
Fortpflanzung Die Paarungszeit ist meistens nicht an eine bestimmte Jahreszeit gebunden. Während der Ranz bleiben Männchen und Weibchen zusammen und umschmeicheln sich durch Aneinanderreiben und besonders häufiges »Köpfchengeben«. Beim Paarungsakt selbst kauert die Tigerin auf dem Boden, und der Kater hält sie mit einem Nackenbiß fest. Unmittelbar nach der Vereinigung muß der Kater zusehen, daß er sich von der Partnerin löst, da diese sofort einen heftigen Prankenhieb nach rückwärts richtet, der gezielt an seinem Kopf landen würde. Ein männlicher Tiger deckt jedes brünstige Weibchen, das er in seinem Gebiet antrifft. Begegnet er hierbei einem anderen Männchen, kann es zu heftigen Kämpfen kommen.
Nach einer Tragzeit von 95-114 Tagen bringt das Weibchen 2-4 Junge zur Welt, die es 5-6 Monate säugt. Bei der Geburt wiegen die Jungen 800-1600 g. Sie öffnen nach 3-10 Tagen die Augen und verlassen nach 40-45 Tagen zum ersten Mal das Wurflager. Die erste feste Kost nehmen sie mit 55-60 Tagen zu sich. Bis zum Alter von 11 Monaten bleiben die Jungen bei der Mutter, mit der sie auf die Jagd gehen. Danach bleiben sie noch für kurze Zeit in sogenannten Kinderfamilien zusammen. Mitunter sollen die Jungen aber auch bis zu 2-3 Jahren bei der Mutter bleiben, die dann nur im Abstand von 3-4 Jahren einen Wurf großzieht.